Früher war Dating einfacher.
Also vermutlich nicht wirklich.
Aber wenigstens konnte man nicht sehen, dass jemand seit 21:43 Uhr online war, um 21:47 Uhr deine Nachricht gelesen hat und um 21:52 Uhr trotzdem keine Antwort geschrieben hat.
Heute bekommt man dagegen Informationen, die niemand bestellt hat.
Online.
Zuletzt online.
Gelesen.
Tippt…
Tippt nicht mehr.
Und plötzlich sitzt man vor einem Bildschirm und analysiert digitale Spuren wie eine Privatdetektivin mit emotionalem Sonderauftrag.
Warum antwortet er nicht?
Vielleicht hat er keine Zeit.
Vielleicht weiß er nicht, was er schreiben soll.
Vielleicht telefoniert er.
Vielleicht schläft er.
Vielleicht möchte er einfach nicht antworten.
Oder, und diese Möglichkeit wird erstaunlich häufig übersehen:
Vielleicht ist er gerade auf der Toilette.
Nicht jede Funkstille ist eine tiefenpsychologische Botschaft.
Aber versuch das mal einem Gehirn zu erklären, das bereits seit zwölf Minuten auf zwei blaue Haken starrt.
Zwei blaue Haken sind noch keine Beziehung
Die moderne Kommunikation hat uns eine interessante Illusion beschert.
Wir können permanent miteinander verbunden sein.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass wir uns näher sind.
Jemand kann dir morgens schreiben:
„Guten Morgen 😊“
mittags ein Foto schicken, abends drei Herzen senden und trotzdem keinerlei Interesse daran haben, aus dieser Kommunikation jemals eine echte Beziehung entstehen zu lassen.
Digitaler Kontakt kann sich intensiv anfühlen.
Sehr intensiv sogar.
Man schreibt morgens.
Zwischendurch.
Abends.
Vielleicht sogar nachts.
Man weiß, was der andere gegessen hat, welche Serie er schaut und warum sein Kollege Klaus ihn heute wieder nervt.
Man weiß nur nicht:
Was sind wir eigentlich?
Willkommen in der Chatromantik.
Sehr viel Kommunikation.
Gelegentlich erstaunlich wenig Klarheit.
„Guten Morgen“ ist süß, aber noch kein Eheversprechen
Manche Nachrichten bekommen im Dating erstaunlich viel Bedeutung.
Besonders das berühmte:
„Guten Morgen.“
Wenn jemand regelmäßig morgens schreibt, fühlt sich das schnell persönlich an.
Man ist offenbar einer der ersten Gedanken des Tages.
Sehr schön.
Vielleicht.
Oder der Mensch schreibt morgens grundsätzlich sieben Personen guten Morgen.
Wir wissen es nicht.
Genau hier beginnt das Problem moderner Kommunikation.
Wir interpretieren nicht nur Worte.
Wir interpretieren Uhrzeiten.
Emojis.
Antwortgeschwindigkeit.
Satzzeichen.
Ein „Okay.“ mit Punkt wirkt plötzlich völlig anders als „Okay 😊“.
Und wehe, jemand verwendet nach drei Wochen plötzlich weniger Herzen.
Dann tagt innerlich bereits der Krisenstab.
Die drei Punkte des emotionalen Ausnahmezustands
Es gibt kaum etwas Spannenderes als diese drei kleinen Punkte:
Tippt…
Man wartet.
Jetzt kommt etwas.
Eine Erklärung.
Ein Geständnis.
Vielleicht sogar ein romantischer Durchbruch.
Dann verschwinden die Punkte.
Nichts kommt.
Was ist passiert?
Hat die Person den Text gelöscht?
War er zu emotional?
Zu lang?
Zu ehrlich?
Hat sie plötzlich Zweifel?
Oder kam einfach die Straßenbahn?
Das Gehirn liebt komplizierte Erklärungen.
Die Wirklichkeit ist häufig enttäuschend banal.
Online sein und trotzdem nicht antworten
Jetzt kommen wir zu einem der größten Klassiker moderner Chatromantik.
Du hast geschrieben.
Die Nachricht wurde gelesen.
Keine Antwort.
Eine Stunde später siehst du:
Online.
Das Gehirn:
AHA!
Was genau „Aha“ bedeutet, weiß niemand.
Aber plötzlich fühlt sich die Sache persönlich an.
Dabei gibt es ungefähr hundert mögliche Gründe, warum jemand eine Nachricht liest und später antwortet.
Und natürlich gibt es auch den einfachen Grund:
Die Person möchte gerade nicht antworten.
Das darf unangenehm sein.
Aber selbst das muss nicht zwingend eine versteckte Botschaft enthalten.
Der schwierigere Teil besteht darin, nicht aus jeder digitalen Handlung eine komplette Geschichte zu bauen.
Denn bevor man sich versieht, hat man aus „gelesen um 19:42 Uhr“ bereits drei mögliche Beziehungsszenarien und eine Trennung konstruiert, obwohl es noch nicht einmal eine Beziehung gibt.
Ghosting: Wenn Menschen plötzlich digital verdampfen
Ghosting gehört vermutlich zu den unangenehmsten Erfindungen der modernen Datingwelt.
Man schreibt.
Man trifft sich.
Vielleicht läuft es sogar gut.
Und plötzlich:
Nichts.
Keine Nachricht.
Keine Erklärung.
Keine Antwort.
Der Mensch ist nicht gestorben.
Zumindest vermutlich nicht.
Er postet nämlich weiterhin Urlaubsbilder.
Nur die Kommunikation mit dir hat offenbar unerwartet den Betrieb eingestellt.
Das Problem am Ghosting ist nicht nur das Verschwinden.
Es ist die fehlende Klarheit.
Unser Gehirn versucht offene Geschichten gern zu Ende zu erzählen.
Also sucht es Gründe.
War ich zu viel?
Zu wenig?
Zu schnell?
Zu langsam?
War mein letzter Witz schlecht?
Hätte ich nicht diese Schuhe tragen sollen?
Vielleicht liegt die Wahrheit aber viel näher:
Der andere Mensch konnte oder wollte keine klare Nachricht schreiben.
Das sagt zumindest ebenso viel über ihn aus wie über dich.
Breadcrumbing: Ein Krümel reicht offenbar für weitere drei Wochen
Dann gibt es noch diese besondere Kommunikationsform:
Gerade genug Interesse zeigen, damit die andere Person nicht vollständig verschwindet.
Eine Nachricht nach vier Tagen.
Ein Herz unter einer Story.
„Wie geht’s dir?“
Vielleicht ein:
„Wir müssen uns unbedingt bald sehen.“
Nur dieses „bald“ scheint eine eigene Zeitzone zu besitzen.
Man nennt dieses Verhalten häufig Breadcrumbing.
Kleine Brotkrumen von Aufmerksamkeit.
Nicht genug, um wirklich voranzukommen.
Aber genug, damit man denkt:
Vielleicht passiert doch noch etwas.
Das Problem:
Von Brotkrumen wird man selten satt.
Auch emotional nicht.
„Ich bin gerade nicht bereit für eine Beziehung“
Dieser Satz verdient eine eigene Kategorie.
Natürlich kann er vollkommen ehrlich gemeint sein.
Menschen können tatsächlich nicht bereit für eine Beziehung sein.
Schwierig wird es nur, wenn anschließend folgt:
„Aber wir können ja schauen, was passiert.“
Ah.
Die berühmte romantische Wartezone.
Kein Ja.
Kein Nein.
Aber bitte emotional verfügbar bleiben.
Hier hilft möglicherweise eine sehr einfache Übersetzung:
Wenn jemand keine Beziehung möchte und du eine möchtest, sind eure Wünsche unterschiedlich.
Das ist enttäuschend.
Aber erstaunlich klar.
Man muss daraus keine sechsmonatige Forschungsarbeit machen.
Wenn aus einem Emoji eine wissenschaftliche Analyse wird
Emojis sind praktisch.
Sie können aber auch gefährlich sein.
Ein Herz.
Welches Herz?
Rot?
Rosa?
Schwarz?
Nur ein Smiley?
Warum diesmal kein Kuss Emoji?
Hat das etwas zu bedeuten?
Man kann eine Beziehung vermutlich schneller zerstören, indem man gemeinsam alle Nachrichten analysiert, als indem man einfach miteinander spricht.
Dabei ist Kommunikation eigentlich überraschend altmodisch.
Man könnte fragen.
Was meinst du damit?
Was suchst du eigentlich?
Wie siehst du das mit uns?
Natürlich ist das weniger aufregend als fünf Stunden Emoji Analyse.
Aber häufig deutlich informativer.
Das Internet hat uns viele neue Wörter gegeben
Ghosting.
Breadcrumbing.
Benching.
Orbiting.
Situationship.
Love Bombing.
Slow Fading.
Manchmal bekommt man den Eindruck, moderne Beziehungen hätten mehr Fachbegriffe als ein durchschnittliches Medizinstudium.
Natürlich können solche Begriffe hilfreich sein, um bestimmte Verhaltensweisen zu beschreiben.
Aber nicht jede schlechte Nachricht braucht sofort eine Diagnose.
Manchmal ist jemand einfach unhöflich.
Manchmal unentschlossen.
Manchmal nicht interessiert.
Und manchmal passen zwei Menschen einfach nicht zusammen.
Das klingt weniger spektakulär.
Ist aber häufig die wahrscheinlichere Erklärung.
Eine Situationship ist eine Beziehung mit Fragezeichen
Eine Situationship kann sich ungefähr so anfühlen:
Man sieht sich regelmäßig.
Man schreibt täglich.
Man verbringt Wochenenden miteinander.
Man kennt Freunde.
Man weiß, wie der andere seinen Kaffee trinkt.
Aber wenn jemand fragt:
„Seid ihr zusammen?“
entsteht eine bemerkenswert lange Pause.
Dann kommen Sätze wie:
„Wir schauen einfach.“
„Wir wollen keinen Druck.“
„Wir genießen den Moment.“
Das kann vollkommen in Ordnung sein.
Wenn beide dasselbe möchten.
Problematisch wird es, wenn eine Person „wir schauen“ sagt und die andere innerlich bereits Gardinen fürs gemeinsame Wohnzimmer auswählt.
Klarheit ist vielleicht weniger romantisch.
Aber langfristig erstaunlich praktisch.
Warum wir lieber interpretieren als fragen
Fragen macht verletzlich.
Wenn ich frage, was jemand möchte, könnte mir die Antwort nicht gefallen.
Also interpretiere ich lieber.
Vielleicht hat er Angst vor Nähe.
Vielleicht braucht sie Zeit.
Vielleicht ist die letzte Beziehung noch nicht verarbeitet.
Vielleicht…
Natürlich kann all das stimmen.
Aber manchmal besteht Selbstschutz darin, sich nicht ausschließlich auf Möglichkeiten zu konzentrieren.
Sondern auf das, was tatsächlich passiert.
Meldet sich die Person?
Macht sie konkrete Pläne?
Hält sie Verabredungen ein?
Sind Worte und Verhalten ungefähr deckungsgleich?
Romantik darf geheimnisvoll sein.
Grundlegendes Interesse sollte es nicht unbedingt sein.
Wer Interesse hat, darf es auch zeigen
Das klingt banal.
Trotzdem wird Dating manchmal wie ein Strategiespiel behandelt.
Nicht zu schnell antworten.
Nicht zu viel schreiben.
Nicht zu interessiert wirken.
Warte mindestens zwei Stunden.
Schick bloß kein zweites Emoji.
Sonst könnte jemand merken, dass du die Person magst.
Schrecklich.
Natürlich sollte niemand den anderen mit 47 Nachrichten überrollen.
Aber künstliche Distanz ist auch keine besonders stabile Grundlage für Nähe.
Wenn jemand Interesse verliert, weil du freundlich antwortest und deutlich machst, dass du ihn magst, wäre das möglicherweise sowieso ein schwieriges Langzeitprojekt geworden.
Bitte keine Beziehungsdetektei eröffnen
Wenn du irgendwann anfängst, Online Zeiten zu vergleichen, Story Aufrufe zu dokumentieren und aus Like Aktivitäten Rückschlüsse auf das emotionale Innenleben eines Menschen zu ziehen, ist möglicherweise ein Punkt erreicht, an dem die Sache zu viel Raum einnimmt.
Nicht, weil du lächerlich bist.
Sondern weil Unsicherheit Menschen genau dazu bringen kann.
Wir suchen Informationen.
Und soziale Medien liefern sehr viele davon.
Leider nicht unbedingt die richtigen.
Du kannst sehen, dass jemand ein Foto geliked hat.
Du kannst nicht sehen, was jemand fühlt.
Das ist der entscheidende Unterschied.
Manchmal ist Schweigen tatsächlich eine Antwort
Das ist wahrscheinlich einer der unangenehmsten Sätze in diesem gesamten Text.
Aber wenn jemand dauerhaft nicht antwortet, keine Treffen vorschlägt und immer wieder verschwindet, muss man möglicherweise irgendwann aufhören, nach der perfekten Erklärung zu suchen.
Vielleicht gibt es eine.
Vielleicht auch nicht.
Aber Verhalten ist ebenfalls Kommunikation.
Manchmal ist es eine ziemlich schlechte.
Trotzdem ist sie verständlich genug.
Humor hilft auch beim Dating
Dating kann wunderbar sein.
Aufregend.
Romantisch.
Spannend.
Und gelegentlich vollkommen absurd.
Genau deshalb hilft Humor.
Nicht, um Enttäuschungen kleinzureden.
Sondern um etwas Abstand zu gewinnen.
Denn rückblickend gibt es Geschichten, bei denen man irgendwann denkt:
Wie konnte ich ernsthaft drei Wochen darüber nachdenken, warum dieser Mensch plötzlich nur noch Daumen hoch geschickt hat?
Damals war es wichtig.
Heute ist es eine gute Geschichte.
Das ist immerhin eine Form von Rendite.
Die wichtigste Datingregel ist erstaunlich unspektakulär
Vielleicht brauchen wir weniger Strategien.
Weniger Interpretationen.
Weniger psychologische Übersetzungsprogramme.
Vielleicht reichen häufiger ein paar einfache Fragen:
Fühle ich mich mit diesem Menschen wohl?
Ist die Kommunikation klar?
Passen Worte und Verhalten zusammen?
Kann ich ich selbst sein?
Will diese Person ungefähr dasselbe wie ich?
Wenn die Antwort dauerhaft kompliziert ist, hilft möglicherweise auch der schönste Chatverlauf nicht.
Zwei blaue Haken, null Bindung
Genau aus dieser merkwürdigen Welt zwischen Online Status, Chatromantik, Ghosting, Interpretationen und Beziehung ohne eindeutigen Beziehungsstatus entstand die Idee zu meinem Buch „Zwei blaue Haken, null Bindung, eine ironische Überlebenshilfe im Zeitalter der Chatromantik“.
Es geht nicht darum, Menschen vorzuschreiben, wie Dating funktionieren muss.
Dafür ist es viel zu chaotisch.
Es geht um die absurden Situationen, die entstehen, wenn Gefühle auf Smartphones treffen und wir plötzlich mehr Informationen besitzen als jemals zuvor, aber trotzdem nicht wissen:
Mag der mich jetzt eigentlich oder nicht?

Bis dahin vielleicht eine kleine Erinnerung:
Zwei blaue Haken bedeuten, dass eine Nachricht gelesen wurde.
Nicht mehr.
Nicht weniger.
Alles andere klärt man im Idealfall mit Worten.
Revolutionäres Konzept, ich weiß.
Blog
Lies auch meine anderen Beiträge:
-

Wenn Frauen wütend sind: Warum „zickig“ oft nur die falsche Übersetzung ist
Es gibt Wörter, die erstaunlich schnell zur Hand sind. „Zickig“ gehört eindeutig dazu. Eine Frau…
-

Zwei blaue Haken, null Bindung: Dating im Zeitalter der Chatromantik
Früher war Dating einfacher. Also vermutlich nicht wirklich. Aber wenigstens konnte man nicht sehen, dass…
-

Faules Genie: Warum weniger Arbeit manchmal die klügere Strategie ist
Es gibt Menschen, die morgens ihren Schreibtisch aufräumen, ihre To do Liste priorisieren, drei Meetings…

Schreibe einen Kommentar