Es gibt Tage, an denen der Kopf ungefähr 37 offene Tabs gleichzeitig betreibt. Arbeit, Einkaufen, eine Nachricht, auf die man noch antworten wollte, der Termin nächste Woche, die Rechnung, die irgendwo herumliegt, und die Frage, warum man eigentlich in die Küche gegangen ist. Und irgendwo dazwischen läuft leise die Erinnerung: „Du wolltest dich heute übrigens noch entspannen.“ Sehr witzig. Gerade wenn unser Kopf ständig beschäftigt ist, kann Kreativität eine erstaunlich einfache Möglichkeit sein, aus diesem Dauerdenken herauszukommen. Und nein, dafür musst du weder künstlerisch begabt sein noch einen Sonnenuntergang realistisch malen können. Du brauchst im Grunde nur etwas, das deine Aufmerksamkeit für eine Weile auf etwas anderes lenkt: Papier, Farben, Stifte, ein Ausmalbild, vielleicht eine Schere und Kleber. Und idealerweise die Bereitschaft, nicht nach fünf Minuten zu fragen: „Ist das gut geworden?“ Denn genau darum geht es nicht.

„Kreativität beginnt dort, wo der Kopf für einen Moment aufhört, alles lösen zu wollen.“

Warum kreative Beschäftigung so entspannend sein kann

Stress findet zu einem großen Teil im Kopf statt. Wir denken voraus, planen, erinnern uns, lösen Probleme, spielen Gespräche noch einmal durch und führen gelegentlich sogar Diskussionen mit Menschen, die gar nicht anwesend sind. Wir gewinnen diese Diskussionen übrigens meistens. Kreative Tätigkeiten können diesen Gedankenstrom für eine Weile unterbrechen. Wenn du malst, zeichnest oder gestaltest, richtet sich deine Aufmerksamkeit auf etwas Konkretes. Welche Farbe nehme ich? Wo setze ich den nächsten Strich? Welche Fläche male ich zuerst aus? Passt Blau oder Grün besser? Plötzlich beschäftigt sich dein Gehirn mit einer völlig anderen Frage als mit dem, was morgen passieren könnte. Das Problem ist dadurch natürlich nicht verschwunden, aber du hast für einen Moment Abstand gewonnen. Und genau dieser Abstand kann unglaublich angenehm sein.

Kreativität muss keinen Zweck haben

Das klingt selbstverständlich, ist es aber für viele Erwachsene überhaupt nicht. Kinder malen ein Bild und freuen sich darüber. Erwachsene malen ein Bild und denken: „Das könnte besser sein.“ Oder: „Das sieht bei anderen schöner aus.“ Oder besonders gefährlich: „Vielleicht könnte man daraus etwas machen.“ Wir sind hervorragend darin, aus einem Hobby innerhalb kürzester Zeit ein Projekt zu entwickeln. Du fängst an zu zeichnen und drei Wochen später vergleichst du Papierqualitäten, eröffnest einen Social Media Account und überlegst, ob du Visitenkarten brauchst. Stopp. Kreativität darf auch einfach nur Spaß machen. Du musst nichts verkaufen, nichts posten, keinen Fortschritt dokumentieren und auch nicht besonders talentiert sein. Es gibt schließlich auch Menschen, die seit zwanzig Jahren begeistert singen, obwohl ihre Familie bei jedem Lied vorsorglich die Fenster schließt. Freude braucht keine Qualitätskontrolle.

Malen gegen Stress: Warum Ausmalen so angenehm sein kann

Ausmalen hat einen besonderen Vorteil: Du musst nicht vor einem leeren Blatt sitzen und überlegen, was du überhaupt zeichnen möchtest. Das Motiv ist bereits da. Du entscheidest nur noch, welche Farben dir gefallen, wo du beginnst und welche Kombination du ausprobieren möchtest. Das nimmt einen Teil des Entscheidungsdrucks heraus. Gerade nach einem langen Tag kann das angenehm sein. Man muss nichts erfinden, man darf einfach anfangen. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum Ausmalbilder längst nicht mehr nur etwas für Kinder sind. Erwachsene dürfen schließlich auch Farben mögen. Wir haben nur irgendwann beschlossen, dass wir stattdessen Excel Tabellen betrachten sollen.

Du kannst beim Malen erstaunlich viel vergessen

Vielleicht kennst du diesen Moment. Du fängst mit einer kleinen Fläche an, dann noch eine, dann möchtest du nur noch schnell die Haare fertig machen. Danach passt die Farbe der Schuhe plötzlich nicht mehr zum Kleid und du brauchst noch einen dunkleren Ton für die Schatten. Irgendwann schaust du auf die Uhr und stellst fest: Eine Stunde ist vorbei. Der Unterschied zu einer Stunde auf dem Smartphone ist bemerkenswert. Nach einer Stunde Scrollen fragt man sich manchmal: „Was habe ich eigentlich gerade gesehen?“ Nach einer Stunde Malen liegt etwas vor dir. Nicht unbedingt ein Meisterwerk, aber etwas, das du gestaltet hast. Und meistens war der Kopf dabei erstaunlich ruhig.

Muss man dafür malen können?

Nein. Und ich möchte das wirklich deutlich sagen. Du musst für kreative Entspannung nichts können. Es ist kein Kunststudium. Niemand bewertet dich und niemand korrigiert deine Schattierungen. Falls du einen Himmel grün und einen Baum lila malen möchtest, ist das völlig in Ordnung. Der Baum wird sich nicht beschweren. Vielleicht ist genau diese Freiheit etwas, das uns Erwachsenen manchmal fehlt. Im Alltag gibt es ständig richtig und falsch, Termine, Regeln, Pflichten und Vorgaben. Beim kreativen Gestalten darfst du Entscheidungen treffen, die keinerlei Konsequenzen haben. Rot oder Blau? Völlig egal. Glitzer? Warum nicht. Eine pinkfarbene Katze? Natürlich. Kreativität darf ein Bereich sein, in dem nichts passieren muss.

Der Perfektionismus sitzt leider manchmal mit am Tisch

Natürlich gibt es einen kleinen Störenfried: Perfektionismus. Er setzt sich gern dazu. Du malst gerade ganz zufrieden und plötzlich flüstert er: „Die andere Seite sieht besser aus.“ Oder: „Da bist du über die Linie gekommen.“ Oder: „Das solltest du noch einmal machen.“ Perfektionismus hat ein erstaunliches Talent, selbst aus Freizeit eine Prüfung zu machen. Wenn du Kreativität zur Entspannung nutzen möchtest, gibt es deshalb eine sehr hilfreiche Regel: Es muss nicht perfekt werden. Eigentlich muss es nicht einmal besonders gut werden. Es soll dir währenddessen guttun. Das Ergebnis ist zweitrangig. Wenn am Ende etwas Schönes entsteht, wunderbar. Wenn nicht, hattest du trotzdem vielleicht eine ruhige halbe Stunde. Und das ist keineswegs wenig.

Kreativität ist mehr als Malen

Vielleicht denkst du gerade: „Schön, aber Malen ist überhaupt nicht mein Ding.“ Kein Problem. Kreativität hat viele Formen. Du kannst fotografieren, schreiben, stricken, häkeln, basteln, kochen, backen, dekorieren, Blumen arrangieren, Collagen machen, mit Ton arbeiten, nähen, Möbel umgestalten oder etwas völlig anderes ausprobieren. Die entscheidende Frage lautet nicht: „Was gilt offiziell als kreativ?“ Sondern: „Bei welcher Tätigkeit vergesse ich für eine Weile den Rest?“ Das ist häufig ein ziemlich guter Hinweis.

Kreative Entspannung braucht keinen ganzen freien Nachmittag

Ein häufiger Irrtum ist, dass sich Entspannung nur lohnt, wenn man richtig viel Zeit dafür hat. Zwei Stunden, ein freier Nachmittag oder gleich ein ganzes Wochenende wären natürlich schön. Aber wer darauf wartet, dass plötzlich drei komplett freie Stunden vom Himmel fallen, kann unter Umständen sehr lange warten. Auch zwanzig Minuten können reichen. Stifte heraus, ein Motiv auswählen, Handy weg und anfangen. Du musst das Bild nicht fertigstellen. Das ist übrigens eine wichtige Information für alle, die bei begonnenen Dingen sofort nervös werden. Ein Ausmalbild darf mehrere Tage dauern. Die Polizei kommt nicht.

Mein persönlicher Favorit: Kreativität ohne Bildschirm

Wir verbringen einen großen Teil unseres Tages vor Bildschirmen. Computer, Smartphone, Tablet, Fernseher, und selbst viele Freizeitbeschäftigungen finden inzwischen digital statt. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber gerade deshalb kann es angenehm sein, gelegentlich etwas mit den Händen zu machen. Papier anfassen, Stifte auswählen, Farben ausprobieren, Linien sehen und vielleicht sogar dieses typische Geräusch hören, wenn ein Stift über Papier gleitet. Es ist etwas anderes, als mit dem Finger über einen Bildschirm zu wischen. Nicht besser, aber anders. Und manchmal ist genau dieses Anderssein erholsam.

Wenn du mit Ausmalen beginnen möchtest

Mach es dir nicht kompliziert. Du brauchst keine professionelle Künstlerausstattung. Ein paar Farbstifte reichen. Oder Filzstifte, Alkoholmarker, Aquarellstifte oder was immer dir Freude macht. Such dir ein Motiv aus, das dir gefällt, und fang einfach irgendwo an. Nicht unbedingt oben links. Es gibt keine Vorschrift. Du kannst zuerst die Schuhe malen, die Haare oder eine winzige Blume in der Ecke. Das Leben ist streng genug organisiert. Dein Ausmalbild muss es nicht sein.

Meine Malbücher für kreative Auszeiten

Ich gestalte selbst Malbücher für Erwachsene mit unterschiedlichen Themen und Figuren. Dabei geht es mir nicht darum, dass jedes Bild am Ende perfekt aussieht. Ich möchte Motive schaffen, bei denen man Lust bekommt, Stifte herauszuholen, Farben auszuprobieren und für eine Weile abzuschalten. Wenn du solche kreativen Auszeiten ausprobieren möchtest, findest du hier meine aktuellen Malbücher: https://shop.lifeatelier.de Du kannst natürlich genauso gut mit einem Motiv beginnen, das du bereits zu Hause hast. Das Wichtigste ist nicht das Material. Das Wichtigste ist, dass du überhaupt anfängst.

Eine kleine kreative Pause für heute

Falls du ausprobieren möchtest, ob kreative Beschäftigung dir beim Abschalten hilft, mach daraus bitte keine große Herausforderung. Keine 30 Tage Kreativ Challenge und kein „Ab morgen male ich jeden Tag eine Stunde“. Das klingt schon wieder verdächtig nach Arbeit. Nimm dir einfach zwanzig Minuten. Such dir ein Ausmalbild, ein Stück Papier oder ein paar Stifte und mach etwas, bei dem niemand etwas von dir erwartet. Nicht einmal du selbst. Vielleicht stellst du fest, dass dein Kopf dabei ruhiger wird. Vielleicht merkst du, dass du völlig die Zeit vergisst. Vielleicht malst du zehn Minuten und hast dann keine Lust mehr. Auch das ist völlig in Ordnung. Entspannung ist schließlich kein Vertrag.

Kreativität kann eine Pause vom Funktionieren sein

Im Alltag funktionieren wir erstaunlich viel. Wir erledigen, planen, organisieren, entscheiden, lösen Probleme und kümmern uns. Kreative Zeit kann etwas völlig anderes sein. Eine Zeit, in der nichts dringend ist, niemand eine Antwort braucht, ein Fehler keine Konsequenzen hat und du etwas nur deshalb tun kannst, weil es dir gefällt. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum kreative Tätigkeiten so wohltuend sein können. Nicht weil sie alle Probleme lösen, das tun sie nicht. Sondern weil sie für eine Weile etwas anderes in den Mittelpunkt stellen: Farben, Formen, Ideen, Neugier und manchmal einfach Freude.

Und wenn dabei ein lila Baum entsteht?

Dann hast du einen lila Baum. Vielleicht sieht er großartig aus, vielleicht auch nicht. Aber wenn du währenddessen zwanzig Minuten nicht über deine To-do-Liste nachgedacht hast, hat dieser Baum seinen Job bereits hervorragend erledigt. Und ganz nebenbei: Die Welt hat genug grüne Bäume. Ein bisschen Abwechslung kann nicht schaden.

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