Entspannung klingt theoretisch ziemlich einfach. Man setzt sich hin, macht nichts und entspannt sich. In der Praxis läuft es oft eher so: Man setzt sich hin. Dann fällt einem ein, dass noch Wäsche in der Maschine ist, dass man eigentlich jemandem antworten wollte, dass der Kühlschrank seltsame Geräusche macht und dass man dringend noch etwas bestellen müsste. Und wenn man schon das Handy in der Hand hat, kann man ja ganz kurz nachsehen, was es Neues gibt. Zwanzig Minuten später kennt man drei neue Rezepte, weiß, welcher Schauspieler sich gerade getrennt hat, hat einen Staubsauger verglichen und kann sich nicht mehr erinnern, warum man überhaupt aufs Handy geschaut hat. Willkommen bei moderner Entspannung. Oder genauer gesagt, bei unserem erstaunlichen Talent, sogar aus einer Pause noch eine Beschäftigung zu machen.

„Entspannung beginnt nicht erst dann, wenn alle Aufgaben erledigt sind. Sie beginnt in dem Moment, in dem wir akzeptieren, dass nicht alles heute geschafft werden muss, nicht jede freie Minute sinnvoll genutzt werden braucht und eine Pause keinen anderen Zweck erfüllen muss, als uns für eine Weile gutzutun.“

Entspannung ist heute fast schon Arbeit geworden

Eigentlich sollte Entspannung das Gegenteil von Leistung sein. Trotzdem behandeln wir sie inzwischen manchmal genauso. Wir brauchen eine Morgenroutine, eine Meditationsapp, eine Yogamatte, eine Duftkerze, die richtige Musik und vielleicht noch ein Journal. Und wenn wir nach sieben Minuten Meditation immer noch an die Einkaufsliste denken, haben wir offenbar falsch entspannt. Dabei ist Entspannung kein Wettbewerb. Niemand kommt am Jahresende vorbei und überreicht eine Urkunde: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben besonders effizient nichts getan.“ Zum Glück. Denn manchmal darf eine Pause einfach nur eine Pause sein.

Warum wir so schlecht im Nichtstun sind

Viele Menschen sind daran gewöhnt, ständig etwas zu erledigen. Arbeiten, organisieren, planen, antworten, einkaufen, kochen, aufräumen, Termine koordinieren. Und natürlich dieses berühmte: „Ich mache nur noch schnell …“ Dieser Satz ist einer der größten Betrüger des Alltags. Nichts, was mit „nur noch schnell“ beginnt, dauert wirklich drei Minuten. Plötzlich ist eine Stunde vorbei und man steht mit einem Schraubenzieher vor einem halb auseinandergebauten Regal. Das Problem ist also häufig gar nicht, dass wir grundsätzlich keine Zeit für Pausen hätten. Wir haben eher Schwierigkeiten, sie auszuhalten. Sobald nichts passiert, meldet sich der Kopf: „Wir könnten doch noch …“ Nein. Könnten wir nicht. Zumindest nicht jetzt.

Entspannung bedeutet nicht automatisch Sofa

Manche Menschen entspannen beim Lesen, andere beim Spaziergang, beim Malen, beim Kochen, beim Gärtnern, beim Sport, beim Stricken, beim Musikhören oder beim Aufräumen. Ja, es gibt tatsächlich Menschen, die beim Aufräumen entspannen. Wir müssen nicht alles verstehen. Entscheidend ist, was eine Tätigkeit mit dir macht. Hilft sie dir, für eine Weile aus dem Gedankenkarussell auszusteigen? Wirst du ruhiger? Konzentrierst du dich auf etwas Angenehmes? Vergisst du für einen Moment Termine, Aufgaben und Probleme? Dann kann genau das deine Form von Entspannung sein. Es gibt nicht die eine Methode, die für alle Menschen funktioniert. Und genau das macht die Sache eigentlich einfacher.

Die beste Entspannungsmethode ist die, die du wirklich magst

Wenn du Yoga nicht leiden kannst, musst du nicht Yoga machen. Wenn du beim Meditieren nach vier Minuten aggressiv wirst, weil die Stimme aus der App zum sechsten Mal sagt, du sollst deine Gedanken loslassen, während deine Gedanken gerade eine Betriebsversammlung veranstalten, dann ist vielleicht etwas anderes besser. Vielleicht entspannst du beim Zeichnen, beim Radfahren, beim Kochen, beim Lesen, beim Fotografieren, beim Spazierengehen oder beim Kaffee oder Tee mit einem Menschen, mit dem du lachen kannst. Entspannung muss nicht beeindruckend aussehen. Sie muss funktionieren.

7 einfache Arten zu entspannen, ohne daraus ein Projekt zu machen

1. Spazieren gehen, ohne sportliche Mission

Nicht jeder Spaziergang braucht 10.000 Schritte. Du musst keine Geschwindigkeit erreichen, keine Strecke dokumentieren und keine Statistik posten. Du darfst einfach losgehen. Schau dich um: Bäume, Häuser, Menschen, Hunde, Wolken. Vielleicht entdeckst du sogar in deiner eigenen Umgebung Dinge, an denen du seit Jahren vorbeiläufst. Und wenn du nach 2.347 Schritten keine Lust mehr hast: Auch gut. Niemand wird dir die Spaziererlaubnis entziehen.

2. Kreativ sein, ohne etwas daraus machen zu müssen

Wir Erwachsenen haben eine bemerkenswerte Fähigkeit. Wir können aus nahezu jedem Hobby innerhalb kürzester Zeit ein Geschäftsmodell entwickeln. Wir malen ein Bild und denken: „Könnte man das verkaufen?“ Wir häkeln etwas: „Vielleicht sollte ich einen Shop eröffnen.“ Wir fotografieren eine Blume: „Das müsste ich eigentlich posten.“ Nein. Manchmal darf eine gemalte Blume einfach eine gemalte Blume bleiben. Kreativität kann gerade deshalb entspannen, weil sie keinen Zweck erfüllen muss. Du darfst malen, zeichnen, kritzeln, kleben, basteln, schreiben. Und du darfst etwas produzieren, das objektiv betrachtet aussieht wie ein leicht verunglückter Flamingo. Es ist dein Flamingo. Das reicht.

3. Zehn Minuten absichtlich nichts tun

Das klingt erschreckend simpel. Ist es aber nicht. Setz dich hin. Ohne Handy, ohne Fernseher, ohne Buch, ohne Aufgabe. Zehn Minuten. Und beobachte einmal, was dein Gehirn daraus macht. Wahrscheinlich wird es dir ziemlich schnell einige dringende Vorschläge machen. „Wir könnten die Fenster putzen.“ Nein. „Wir könnten schauen, was die ehemalige Kollegin gerade macht.“ Nein. „Wir könnten endlich die Gewürzschublade sortieren.“ Auf gar keinen Fall. Bleib sitzen. Das ist keine Faulheit. Das ist eine Pause.

4. Etwas tun, das keinen Nutzen hat

Wann hast du zuletzt etwas nur deshalb gemacht, weil es dir Spaß gemacht hat? Nicht für die Arbeit, nicht für Fitness, nicht für Weiterbildung, nicht für Social Media und nicht, weil etwas dabei herauskommen muss. Ein Puzzle, ein Krimi, eine alte Lieblingsserie, Musik aus deiner Jugend, ein Flohmarktbesuch, eine Stunde malen oder mit einer Freundin Kaffee trinken und über Dinge reden, die keinerlei gesellschaftliche Relevanz besitzen. Auch das ist Lebensqualität. Vielleicht sogar mehr als manches, was auf einer To-do-Liste steht.

5. Das Handy gelegentlich wie einen Gegenstand behandeln

Früher lag ein Telefon irgendwo im Flur. Heute begleitet uns das Smartphone ins Schlafzimmer, auf das Sofa, in die Küche, ins Badezimmer und beinahe überall sonst hin. Es ist praktisch. Sehr praktisch sogar. Aber es ist kein Körperteil. Du darfst es weglegen. Vielleicht für zwanzig Minuten, vielleicht für eine Stunde. Du musst deshalb nicht gleich einen siebentägigen Digital Detox im Schweigekloster buchen. Fang klein an. Das Internet wird deine Abwesenheit verkraften.

6. Lachen als kleine Pause für den Kopf

Entspannung muss nicht immer still sein. Manchmal ist ein Abend mit einem Menschen, mit dem man richtig lachen kann, erholsamer als zwei Stunden Wellnessmusik mit plätscherndem Bach. Humor löst nicht jedes Problem. Aber er kann für einen Moment Abstand schaffen. Und manchmal ist genau dieser Abstand wichtig. Nicht jede schwierige Situation muss würdevoll bei Kräutertee analysiert werden. Manches darf man auch erzählen, den Kopf schütteln und sagen: „Das kann doch alles nicht wahr sein.“ Und dann lachen.

Genau deshalb können auch humorvolle Bücher eine kleine Auszeit sein. Ein paar Seiten, bei denen man sich selbst, andere Menschen oder den ganz normalen Alltagswahnsinn wiedererkennt, können erstaunlich wohltuend sein. Nicht, weil dadurch plötzlich alle Probleme verschwinden, sondern weil man für einen Moment nicht mitten im eigenen Gedankenkarussell sitzt. Stattdessen liest man über Datingkatastrophen, absurde Lebensweisheiten, Arbeitswahnsinn, das Älterwerden oder Menschen, die einem gepflegt auf die Nerven gehen, und denkt: Gut, offenbar bin ich mit diesem Irrsinn nicht allein.

Manchmal braucht Entspannung eben keine Klangschale. Manchmal braucht sie ein Buch, einen Kaffee und einen Satz, bei dem man laut lachen muss.

7. Die kleine Auszeit ernst nehmen

Wenn wir das Wort „Auszeit“ hören, denken viele sofort an Urlaub. Meer, Hotel, Wellness, drei Wochen irgendwo, wo niemand weiß, wie der eigene Drucker funktioniert. Sehr schön. Aber Auszeiten müssen nicht groß sein. Eine halbe Stunde im Café, ein Bad, ein Spaziergang, ein Buch, Malen am Küchentisch, Musik hören, im Garten sitzen, eine Runde Fahrrad fahren oder die luxuriöseste Variante des Erwachsenenlebens: Niemand möchte gerade etwas von dir. Kleine Pausen sind nicht unwichtig, nur weil sie klein sind. Im Gegenteil. Sie passen viel besser in einen normalen Alltag.

Vielleicht müssen wir gar nicht besser entspannen

Vielleicht müssen wir aufhören, Entspannung zu optimieren. Nicht jede freie Minute muss sinnvoll genutzt werden. Nicht jedes Hobby muss produktiv sein. Nicht jede Pause braucht einen Zweck. Und nicht jede Stunde muss am Ende das Gefühl hinterlassen: „Heute habe ich wirklich etwas geschafft.“ Vielleicht darf man gelegentlich auch einfach sagen: Heute habe ich nichts Besonderes geschafft. War trotzdem schön. Das ist möglicherweise eine unterschätzte Form von Erfolg.

Ein kleines Experiment für die nächsten Tage

Keine 30 Tage Challenge. Keine komplizierte Routine. Nur eine halbe Stunde. Such dir irgendwann in den nächsten Tagen dreißig Minuten, in denen du nichts erledigen musst. Mach etwas, das dich entspannt oder dir Freude macht. Geh spazieren, male, lies, trink Kaffee, hör Musik, leg dich hin, setz dich in den Garten oder mach tatsächlich einmal gar nichts. Und ganz wichtig: Mach daraus kein Projekt. Kein Vorher Foto, kein Nachher Foto, keine Statistik, keine Erfolgskontrolle. Du musst niemandem beweisen, dass du dich entspannt hast.

Vielleicht beginnt Entspannung genau hier

Nicht bei der perfekten Morgenroutine, nicht beim teuersten Wellnesswochenende, nicht bei der Frage, ob du richtig meditierst. Vielleicht beginnt Entspannung viel einfacher. Mit der Erkenntnis: Ich muss nicht jede Minute meines Lebens sinnvoll nutzen. Ich darf Dinge tun, weil sie mir Freude machen. Ich darf Pausen machen, bevor ich sie dringend brauche. Und ich darf manchmal einfach nichts tun. Ohne schlechtes Gewissen. Falls sich das am Anfang merkwürdig anfühlt, ist das vermutlich kein Zeichen dafür, dass du schlecht im Entspannen bist. Vielleicht brauchst du einfach ein bisschen Übung. Und falls gar nichts hilft, kannst du immer noch die Gewürzschublade sortieren. Aber bitte erst morgen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert