Es gibt Wörter, die erstaunlich schnell zur Hand sind.

„Zickig“ gehört eindeutig dazu.

Eine Frau sagt klar, was sie will.

Zickig.

Sie sagt klar, was sie nicht will.

Auch zickig.

Sie widerspricht.

Schwierig.

Sie widerspricht ein zweites Mal.

Anstrengend.

Beim dritten Mal wird sie deutlicher.

Aggressiv.

Man könnte fast den Eindruck bekommen, weibliche Kommunikation sei nur dann wirklich gelungen, wenn am Ende niemand merkt, dass die Frau eigentlich anderer Meinung war.

Dabei ist Wut zunächst einmal genau das:

Wut.

Ein Gefühl.

Keine Charakterdiagnose.

Keine Persönlichkeitsstörung.

Kein Beweis dafür, dass jemand „schwierig“ ist.

Manchmal ist ein Mensch einfach genervt.

Und manchmal hat er sogar einen ziemlich guten Grund dafür.

Warum „zickig“ ein erstaunlich bequemes Wort ist

„Zickig“ ist praktisch.

Es spart Analyse.

Man muss nicht mehr überlegen, warum jemand wütend ist.

Man muss sich nicht fragen, ob möglicherweise eine Grenze überschritten wurde, etwas unfair war oder jemand zum fünften Mal denselben Unsinn erklärt bekommen hat.

Man sagt einfach:

„Die ist heute aber zickig.“

Fertig.

Problem gelöst.

Zumindest für die Person, die das Wort benutzt.

Für die andere eher nicht.

Denn plötzlich geht es nicht mehr um das eigentliche Thema.

Es geht um ihren Ton.

Ihre Stimmung.

Ihre Reaktion.

Und aus der Frage:

„Warum bist du sauer?“

wird:

„Warum bist du so empfindlich?“

Das ist ein bemerkenswerter Unterschied.

Wut ist nicht automatisch Aggression

Wut und Aggression werden gern in einen Topf geworfen.

Dabei sind sie nicht dasselbe.

Wut ist ein Gefühl.

Aggression ist ein Verhalten.

Man kann wütend sein, ohne jemanden anzuschreien.

Man kann ruhig sagen:

„Das finde ich nicht in Ordnung.“

Und trotzdem sehr wütend sein.

Umgekehrt kann jemand ausgesprochen unangenehm handeln, ohne besonders laut zu werden.

Lautstärke allein verrät also wenig.

Trotzdem wird bei Frauen häufig schon eine deutlichere Sprache als übertrieben wahrgenommen.

Ein Mann sagt:

„Das akzeptiere ich nicht.“

Bestimmt.

Eine Frau sagt:

„Das akzeptiere ich nicht.“

Ui.

Die hat aber einen Ton.

Natürlich ist das überspitzt.

Aber vermutlich nicht so überspitzt, wie man gern glauben würde.

Wie oft muss man freundlich sein, bevor man ernst genommen wird?

Das ist eine interessante Frage.

Nehmen wir an, eine Frau sagt:

„Nein, danke.“

Das wird ignoriert.

Dann:

„Ich möchte das wirklich nicht.“

Wird diskutiert.

Dann:

„Bitte akzeptiere einfach mein Nein.“

Jetzt wirkt sie langsam gereizt.

Und irgendwann sagt sie:

„Ich habe jetzt dreimal Nein gesagt.“

Plötzlich heißt es:

„Du musst doch nicht gleich so aggressiv werden.“

Ah.

Natürlich.

Das Problem war nicht, dass drei Neins ignoriert wurden.

Das Problem war offenbar die Lautstärke beim vierten.

Vielleicht sollte man irgendwann eine neue gesellschaftliche Regel einführen:

Wer ein höfliches Nein beim ersten Mal akzeptiert, muss später keinen unhöflicheren Ton ertragen.

Klingt revolutionär.

Ist aber eigentlich nur Zuhören.

„Du bist heute aber empfindlich“

Dieser Satz besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit.

Er kann eine ohnehin genervte Person innerhalb von ungefähr zwei Sekunden noch deutlich genervter machen.

Denn meistens hilft er nicht.

Wenn jemand verletzt oder verärgert ist, bringt die Feststellung:

„Du bist aber empfindlich.“

ungefähr so viel wie:

„Du bist aber nass.“

zu jemandem, der gerade im Regen steht.

Ja.

Danke.

Die entscheidende Frage wäre eher:

Warum?

Was ist passiert?

Wurde etwas gesagt?

Wurde etwas übergangen?

Oder ist heute einfach kein besonders guter Tag?

Auch schlechte Laune braucht nicht immer eine tiefere psychologische Erklärung.

Manchmal ist die Antwort tatsächlich:

Ich bin heute genervt.

Das darf vorkommen.

Der Unterschied zwischen schlechter Laune und schlechter Persönlichkeit

Nicht jeder Mensch, der heute schlecht gelaunt ist, ist grundsätzlich schwierig.

Das wäre auch ziemlich unpraktisch.

Wir alle haben Tage, an denen unsere Geduld übersichtlich ausfällt.

Der Kaffee schmeckt nicht.

Der Bus kommt nicht.

Jemand ruft dreimal hintereinander an.

Eine Rechnung taucht auf, von der man gehofft hatte, sie habe sich vielleicht selbst erledigt.

Und dann fragt jemand:

„Warum guckst du so?“

Weil heute Dienstag ist, Bernd.

Es muss nicht immer komplizierter sein.

Schlechte Laune ist ein Zustand.

Keine Identität.

Vielleicht sollten wir uns gegenseitig häufiger erlauben, gelegentlich mies drauf zu sein, ohne sofort eine Persönlichkeitsanalyse einzuleiten.

Warum Grenzen manchmal keinen freundlichen Gesichtsausdruck brauchen

Grenzen werden gern akzeptiert.

Theoretisch.

Praktisch bevorzugen wir sie häufig in einer sehr bestimmten Verpackung.

Freundlich.

Ruhig.

Mit Verständnis.

Vielleicht noch mit einem kleinen Lächeln.

„Ich verstehe natürlich vollkommen, warum du das möchtest, und es tut mir wirklich sehr leid, aber vielleicht könnte ich eventuell…“

Oder:

„Nein.“

Die zweite Version spart Zeit.

Grenzen müssen nicht beleidigend sein.

Aber sie müssen auch nicht dekorativ sein.

Wenn jemand etwas nicht möchte, darf das klar formuliert werden.

Und wenn diese Grenze bereits mehrfach ignoriert wurde, ist es durchaus möglich, dass die freundliche Geschenkverpackung irgendwann fehlt.

Das macht die Grenze nicht weniger gültig.

Die Sache mit dem Tonfall

„Es geht nicht darum, was du sagst. Es geht darum, wie du es sagst.“

Dieser Satz kann vollkommen berechtigt sein.

Natürlich spielt Tonfall eine Rolle.

Menschen dürfen respektvollen Umgang erwarten.

Aber manchmal wird über den Ton so lange diskutiert, bis niemand mehr über den Inhalt sprechen muss.

Dann lautet das ursprüngliche Thema vielleicht:

„Du hast etwas gemacht, das mich verletzt hat.“

Und zehn Minuten später diskutiert man ausschließlich darüber, ob das Wort „wirklich“ unnötig scharf ausgesprochen wurde.

Das ist praktisch.

Zumindest für die Person, die gerade nicht über ihr eigenes Verhalten sprechen möchte.

Deshalb kann man beides gleichzeitig betrachten:

War mein Ton vielleicht unnötig hart?

Und:

War mein Inhalt trotzdem berechtigt?

Das eine löscht das andere nicht automatisch aus.

Frauen sollen bitte selbst beim Ärgern sympathisch bleiben

Es gibt eine seltsame Erwartung, dass Frauen möglichst angenehm wirken sollen.

Freundlich.

Zugänglich.

Warm.

Verständnisvoll.

Und wenn sie schon Grenzen setzen, dann bitte charmant.

Das führt gelegentlich zu absurden Situationen.

Eine Frau ist wütend, soll aber gleichzeitig darauf achten, dass niemand sich durch ihre Wut unwohl fühlt.

Das ist ungefähr so, als würde man einem Feuer sagen:

Brenn ruhig, aber bitte nicht so heiß.

Natürlich geht es nicht darum, Rücksicht völlig abzuschaffen.

Aber vielleicht darf ein unangenehmes Gefühl auch einmal unangenehm aussehen.

Wut muss nicht hübsch sein.

„Beruhig dich“ und andere hervorragende Möglichkeiten, die Situation zu verschlechtern

Es gibt Sätze, die erstaunlich selten funktionieren.

„Beruhig dich.“

gehört dazu.

Kaum jemand hört:

„Beruhig dich.“

und antwortet:

„Ach so. Natürlich. Daran hatte ich gar nicht gedacht.“

Meist passiert eher das Gegenteil.

Ähnlich hilfreich sind:

„Jetzt übertreibst du.“

„Mach kein Drama.“

„So schlimm ist es doch gar nicht.“

„Du interpretierst da zu viel rein.“

Vielleicht wäre gelegentlich eine andere Frage sinnvoller:

„Was genau hat dich so geärgert?“

Das klingt weniger spektakulär.

Hat aber eine deutlich höhere Chance, das Gespräch nicht vollständig zu ruinieren.

Wut kann eine ziemlich nützliche Information sein

Wut ist nicht automatisch angenehm.

Aber sie kann etwas zeigen.

Eine Grenze wurde überschritten.

Etwas fühlt sich unfair an.

Eine Situation wiederholt sich.

Jemand fühlt sich nicht ernst genommen.

Oder man hat schlicht zu lange Ja gesagt, obwohl man längst Nein meinte.

Das bedeutet nicht, dass jede wütende Reaktion automatisch richtig ist.

Natürlich nicht.

Man kann aus berechtigter Wut heraus trotzdem unfair handeln.

Aber das Gefühl selbst verdient zumindest einen Blick.

Vielleicht ist es nicht das Problem.

Vielleicht zeigt es nur auf eines.

Wenn Frauen immer nett bleiben, wird das irgendwann teuer

Wer Konflikte ständig vermeiden möchte, zahlt häufig an anderer Stelle.

Man sagt Ja.

Obwohl man Nein meint.

Man lächelt.

Obwohl man genervt ist.

Man übernimmt etwas.

Obwohl man keine Zeit hat.

Man erklärt.

Entschuldigt.

Relativiert.

Und irgendwann kommt dieser Moment, in dem jemand vollkommen überrascht fragt:

„Warum bist du denn plötzlich so sauer?“

Plötzlich ist häufig ein interessantes Wort.

Denn meistens war gar nichts plötzlich.

Es wurde nur vorher nicht laut genug gesagt.

Nicht jede Wut muss sofort weggeatmet werden

Natürlich können Atemübungen helfen.

Ein Spaziergang auch.

Abstand ebenfalls.

Aber wir sollten aus Wut nicht automatisch ein Gefühl machen, das möglichst schnell beseitigt werden muss.

Manchmal sollte man sich zuerst fragen:

Warum bin ich eigentlich wütend?

Vielleicht braucht es keine Meditation.

Vielleicht braucht es ein Gespräch.

Eine Entscheidung.

Eine Grenze.

Oder die Erkenntnis:

Diesen Unsinn mache ich nicht noch einmal mit.

Entspannung ist wunderbar.

Aber sie ist keine Verpflichtung zur Dauerfreundlichkeit.

Humor kann Wut erstaunlich gut entschärfen

Nicht in jeder Situation.

Aber erstaunlich oft.

Wenn man später über eine absurde Situation lachen kann, bekommt man Abstand.

Vielleicht nicht sofort.

Manche Geschichten benötigen ein paar Tage Reifezeit.

Aber irgendwann wird aus:

„Ich hätte ihn erwürgen können.“

vielleicht:

„Du glaubst nicht, was dieser Mensch ernsthaft zu mir gesagt hat.“

Und plötzlich sitzt man mit einer Freundin am Tisch und lacht.

Das Problem war vielleicht trotzdem real.

Aber es besitzt nicht mehr dieselbe Macht.

Humor bedeutet nicht, dass etwas unwichtig war.

Manchmal bedeutet er nur:

Es bekommt nicht noch meinen gesamten Abend.

Aggro Queen oder einfach nur fertig mit dem Unsinn?

Vielleicht ist die „Aggro Queen“ deshalb gar nicht die Frau, die permanent wütend durch die Gegend läuft.

Vielleicht ist sie eher die Frau, die irgendwann aufhört, jedes Nein mit drei Entschuldigungen einzuleiten.

Die sagt:

Das möchte ich nicht.

Das finde ich unfair.

So bitte nicht.

Heute habe ich schlechte Laune.

Und die nicht anschließend noch eine Pressekonferenz darüber veranstaltet.

Das bedeutet nicht, rücksichtslos zu werden.

Es bedeutet auch nicht, dass jede Reaktion gerechtfertigt ist.

Es bedeutet nur:

Eine Frau darf deutlich sein.

Sie darf wütend sein.

Und sie darf gelegentlich schlicht genervt sein.

Ohne dass daraus automatisch eine Charaktereigenschaft wird.

Vielleicht bist du gar nicht zickig

Vielleicht bist du müde.

Vielleicht wurde eine Grenze überschritten.

Vielleicht hast du dieselbe Sache bereits viermal erklärt.

Vielleicht möchtest du heute einfach deine Ruhe.

Oder vielleicht bist du tatsächlich gerade ziemlich schlecht gelaunt.

Auch das ist erlaubt.

Nicht jedes Gefühl muss sympathisch aussehen.

Und nicht jeder Tag verlangt nach der besten Version deiner selbst.

Manchmal reicht die Version, die sagt:

Heute bitte nicht.

Genau daraus entstand „Aggro Queen“

Aus genau diesen kleinen und großen Situationen entstand die Idee zu meinem Buch „Aggro Queen, ich bin nicht zickig, du bist nur weichgekocht“.

Es geht um weibliche Wut, Grenzen, schlechte Laune, den berühmten „Tonfall“, gesellschaftliche Erwartungen und die erstaunliche Kunst, selbst beim Genervtsein angeblich noch angenehm wirken zu sollen.

Nicht als Anleitung zum Herumschreien.

Und auch nicht als Befreiungsschlag mit Räucherstäbchen.

Sondern als humorvoller Blick auf all jene Situationen, in denen eine Frau irgendwann denkt:

Ich habe es freundlich versucht. Jetzt probieren wir verständlich.

Bis dahin gilt:

Wenn eine Frau sagt, dass sie nicht zickig ist, muss man ihr natürlich nicht automatisch recht geben.

Man könnte aber zumindest prüfen, ob man vielleicht gerade zum vierten Mal dieselbe Grenze ignoriert hat.

Nur so als Arbeitshypothese.

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