Es gibt Ratschläge, die klingen sofort wichtig.

„Folge deinem Herzen.“

„Verlasse deine Komfortzone.“

„Sei die beste Version deiner selbst.“

„Alles passiert aus einem Grund.“

Sehr schön.

Aber manchmal sitzt man einfach nur morgens um halb acht mit zerzausten Haaren vor einer Kaffeetasse und möchte wissen, warum das Leben bereits vor dem Frühstück so viele Anforderungen stellt.

In solchen Momenten helfen große Lebensweisheiten nur bedingt.

Vielleicht brauchen wir deshalb gelegentlich andere.

Kleinere.

Schrägere.

Weniger bedeutungsschwere.

Zum Beispiel:

Wenn du morgens schon drei Probleme gelöst hast, bevor der Kaffee fertig ist, war der Tagesbeginn eindeutig schlecht organisiert.

Nicht besonders philosophisch.

Aber möglicherweise wahr.

Nicht jede Weisheit muss nach Berggipfel klingen

Man erkennt klassische Lebensweisheiten häufig daran, dass sie sich hervorragend vor einen Sonnenuntergang setzen lassen.

Ein Mensch steht auf einem Berg.

Arme ausgebreitet.

Darunter:

„Glaube an dich.“

Natürlich sollte man an sich glauben.

Aber vielleicht hilft an manchen Tagen auch:

„Iss zuerst etwas und entscheide danach.“

Das hat deutlich weniger spirituelle Wirkung, könnte aber mehrere unnötige Konflikte verhindern.

Manchmal liegt Lebensklugheit nicht darin, die großen Fragen der Menschheit zu beantworten.

Sondern darin, zu wissen, wann man müde, hungrig oder einfach genervt ist.

Das erspart erstaunlich viele philosophische Fehlinterpretationen.

Kaktus küsst Kaffeetasse

Ein Kaktus und eine Kaffeetasse haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam.

Der eine sticht.

Die andere rettet morgens Beziehungen.

Trotzdem wären beide vermutlich hervorragende Lebensberater.

Der Kaktus würde sagen:

Du musst nicht jeden umarmen, der dir zu nahe kommt.

Die Kaffeetasse würde ergänzen:

Aber bevor du Grenzen setzt, trink erst einen Schluck.

Schon hätten wir eine erstaunlich brauchbare Lebensphilosophie.

Vielleicht ist genau das der Reiz skurriler Weisheiten.

Sie nehmen bekannte Alltagssituationen und drehen sie ein kleines Stück weiter.

Nicht alles muss tiefgründig sein, um etwas Wahres zu enthalten.

Manchmal ist „egal“ eine vollkommen vernünftige Entscheidung

Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, uns über Dinge Gedanken zu machen, die drei Tage später niemanden mehr interessieren.

War meine Antwort komisch?

Hätte ich etwas anderes sagen sollen?

Was denkt die Person jetzt?

War mein Outfit passend?

Hätte ich noch anrufen sollen?

Man könnte daraus problemlos mehrere Staffeln einer inneren Fernsehserie produzieren.

Titel:

„Was hätte ich anders machen können?“

Leider ohne gutes Ende.

Manchmal hilft deshalb eine ausgesprochen unterschätzte Entscheidung:

Egal.

Nicht aus Gleichgültigkeit.

Sondern aus Größenordnung.

Nicht alles verdient dieselbe emotionale Aufmerksamkeit.

Wenn du morgen vergessen hast, worüber du dich heute geärgert hast, war es möglicherweise schon heute nicht ganz so wichtig.

Wer immer alles richtig macht, erzählt wahrscheinlich nicht die ganze Geschichte

Menschen zeigen gern Ergebnisse.

Das fertige Essen.

Die schöne Wohnung.

Den erfolgreichen Job.

Die harmonische Beziehung.

Niemand postet:

„Heute habe ich zwanzig Minuten nach meinem Handy gesucht, während ich damit telefoniert habe.“

Schade eigentlich.

Denn genau solche Momente wären ausgesprochen beruhigend.

Die Wahrheit ist vermutlich:

Fast alle improvisieren deutlich häufiger, als sie öffentlich zugeben.

Manche wirken nur überzeugender dabei.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger beeindruckt sein von Menschen, bei denen scheinbar immer alles funktioniert.

Womöglich befindet sich außerhalb des Bildausschnitts einfach ein sehr großer Wäscheberg.

Ein schlechter Plan ist manchmal besser als gar keiner

Natürlich sind gute Pläne vorzuziehen.

Aber es gibt Situationen, in denen man so lange über die perfekte Lösung nachdenkt, dass am Ende überhaupt nichts passiert.

Welcher Kurs ist der richtige?

Wann ist der perfekte Zeitpunkt?

Welche Methode funktioniert am besten?

Was brauche ich vorher?

Drei Wochen später hat man 47 Tabs geöffnet und immer noch nicht angefangen.

Dann könnte folgende Weisheit helfen:

Fang schlecht an. Verbessern kannst du später.

Das gilt erstaunlich oft.

Beim Schreiben.

Beim Malen.

Beim Sport.

Bei einem neuen Hobby.

Beim Aufräumen.

Vielleicht sogar beim Leben.

Niemand verlangt eine perfekte erste Version.

Außer möglicherweise du selbst.

Und diese Person darf gelegentlich überstimmt werden.

Wenn du eine Stunde brauchst, um fünf Minuten Arbeit zu vermeiden, war es vermutlich keine Zeitersparnis

Aufschieben besitzt eine faszinierende Logik.

Man möchte eine kleine Aufgabe nicht erledigen.

Also beschäftigt man sich sehr intensiv damit, sie nicht zu erledigen.

Man macht etwas anderes.

Denkt zwischendurch daran.

Hat ein schlechtes Gewissen.

Überlegt erneut.

Schiebt weiter.

Nach zwei Stunden hätte die ursprüngliche Aufgabe ungefähr sechsmal erledigt werden können.

Aber immerhin wurde sehr konsequent vermieden.

Prokrastination ist eben auch eine Form von Ausdauer.

Nur leider mit fragwürdigem Ergebnis.

Nicht jeder Montag braucht einen Neuanfang

Montage haben einen schlechten Ruf.

Dabei können sie wenig dafür.

Trotzdem entstehen erstaunlich viele Pläne am Montag.

Ab Montag esse ich gesünder.

Ab Montag treibe ich Sport.

Ab Montag bin ich organisiert.

Ab Montag beginne ich ein vollkommen neues Leben.

Der Montag selbst hat davon vermutlich keine Ahnung.

Vielleicht kann man auch an einem Mittwoch anfangen.

Oder Donnerstag.

Oder heute um 16:37 Uhr.

Veränderungen benötigen erstaunlicherweise keinen offiziellen Wochentag.

Das ist praktisch.

Denn sonst müsste man bei jedem kleinen Rückschlag sieben Tage warten.

Nicht jede Meinung braucht eine Gegenmeinung

Es gibt Diskussionen, bei denen man bereits nach wenigen Sekunden weiß:

Hier wird heute niemand seine Meinung ändern.

Trotzdem diskutiert man weiter.

Aus Prinzip.

Aus Ehrgeiz.

Oder weil man inzwischen zu viel Zeit investiert hat, um einfach aufzuhören.

Dabei existiert eine sehr elegante Alternative:

„Okay.“

Dieses kleine Wort kann unglaublich viel Lebenszeit retten.

Es bedeutet nicht automatisch Zustimmung.

Manchmal bedeutet es einfach:

Ich habe beschlossen, meinen Nachmittag anders zu verbringen.

Gerade im Internet könnte diese Erkenntnis vermutlich mehrere Millionen Stunden menschlicher Lebenszeit pro Jahr freisetzen.

Wenn dir jemand zeigt, wer er ist, mach keine eigene Fanfiction daraus

Menschen sind kompliziert.

Aber manchmal machen wir sie noch komplizierter.

Jemand meldet sich nie.

Wir denken:

Vielleicht ist gerade viel los.

Jemand hält Versprechen nicht.

Wir denken:

Eigentlich meint die Person es bestimmt gut.

Jemand behandelt uns schlecht.

Wir suchen eine Erklärung.

Natürlich sollte man nicht jeden Menschen nach einem Fehler abschreiben.

Aber irgendwann wird Interpretation zur kreativen Literatur.

Dann schreibt man innerlich eine bessere Version einer Person, als diejenige selbst offenbar spielen möchte.

Auch hier könnte eine skurrile Lebensweisheit helfen:

Beobachte die Handlung. Der Kommentar des Regisseurs kommt später.

Man muss nicht alles persönlich nehmen

Das ist leichter gesagt als getan.

Wenn jemand unfreundlich ist, fühlt es sich persönlich an.

Wenn jemand nicht antwortet, ebenfalls.

Wenn jemand schlechte Laune hat, denkt man möglicherweise sofort:

Habe ich etwas gemacht?

Dabei haben andere Menschen ihre eigenen Probleme.

Ihre eigenen schlechten Tage.

Ihre eigenen Geschichten.

Und manchmal sind sie einfach schlecht gelaunt.

Ganz ohne unsere Beteiligung.

Das kann fast enttäuschend sein.

Aber auch befreiend.

Nicht jedes Drama, das in deiner Nähe stattfindet, hat automatisch eine Rolle für dich vorgesehen.

Ein voller Kalender ist kein Persönlichkeitsnachweis

Es gibt Menschen, die erzählen sehr gern, wie beschäftigt sie sind.

Termine.

Projekte.

Meetings.

Verpflichtungen.

Man bekommt gelegentlich das Gefühl, Freizeit sei inzwischen etwas, das man besser nur heimlich besitzt.

Dabei ist ein freier Nachmittag kein Beweis für mangelnden Ehrgeiz.

Vielleicht ist er einfach ein freier Nachmittag.

Man darf ihn sogar genießen.

Ohne ihn sofort sinnvoll zu nutzen.

Keine Weiterbildung.

Keine Selbstoptimierung.

Kein produktives Hobby.

Vielleicht nur Kaffee.

Und Kaktus.

Beide verlangen erstaunlich wenig.

Die beste Entscheidung des Tages kann sein, nichts mehr zu entscheiden

Entscheidungen machen müde.

Was essen wir?

Was ziehe ich an?

Wann erledige ich das?

Soll ich zusagen?

Was antworte ich?

Was kaufe ich?

Irgendwann möchte man nicht einmal mehr entscheiden, welchen Film man sehen will.

Dann sitzt man vierzig Minuten vor einem Streamingdienst und schaut sich ausschließlich Vorschauen an.

Das ist kein Fernsehen.

Das ist Verwaltung.

An manchen Tagen ist deshalb folgende Regel sinnvoll:

Heute wird nichts mehr optimiert.

Es gibt, was da ist.

Getragen wird, was sauber ist.

Geschaut wird die Serie, die bereits angefangen wurde.

Fertig.

Auch Entscheidungsvermeidung kann gelegentlich sehr vernünftig sein.

Nicht jeder Rückschritt ist eine Katastrophe

Manchmal läuft etwas gut.

Dann plötzlich nicht mehr.

Ein Projekt stockt.

Eine Gewohnheit verschwindet.

Ein Plan funktioniert nicht.

Wir behandeln kleine Rückschritte gern so, als hätte sich das gesamte Leben offiziell gegen uns entschieden.

Dabei bedeutet ein schlechter Dienstag nicht automatisch, dass alles gescheitert ist.

Vielleicht war es einfach Dienstag.

Mehr Erklärung ist gelegentlich nicht nötig.

Das Leben verläuft selten wie eine saubere Linie nach oben.

Eher wie eine Zeichnung, bei der jemand zwischendurch mit dem Ellbogen über das Papier gefahren ist.

Trotzdem kann am Ende etwas Brauchbares entstehen.

Humor löst nicht jedes Problem, aber er macht manches leichter tragbar

Natürlich kann man nicht alles weglachen.

Es gibt Sorgen, Verluste und Probleme, bei denen Humor keine Lösung ist.

Das sollte man auch nicht behaupten.

Aber zwischen den wirklich schwierigen Dingen existiert eine große Menge alltäglichen Unsinns.

Verlorene Schlüssel.

Peinliche Nachrichten.

Missverständnisse.

Unnötige Diskussionen.

Missglückte Frisuren.

Einkäufe, bei denen man alles mitgebracht hat, außer dem einen Produkt, wegen dem man überhaupt losgefahren ist.

Hier kann Humor helfen, ein wenig Abstand zu gewinnen.

Wenn man später darüber lachen kann, verliert manches zumindest einen Teil seiner Bedeutung.

Einige skurrile Weisheiten für schlechte und durchschnittliche Tage

Wenn du nicht weißt, was du tun sollst, trink zuerst etwas. Durst wurde schon häufiger mit Lebenskrise verwechselt.

Menschen, die sagen „Das dauert nur fünf Minuten“, haben selten selbst vor, es zu erledigen.

Wer seine Ruhe möchte, sollte nicht gleichzeitig fünf Gruppenchats besitzen.

Manche Türen schließen sich. Andere klemmen nur. Nicht alles braucht eine spirituelle Bedeutung.

Wenn Plan A nicht funktioniert, ist das Alphabet erfreulich lang.

Du musst nicht jeden Berg besteigen. Manche kann man auch einfach fotografieren und wieder nach Hause fahren.

Wenn niemand nach deiner Meinung gefragt hat, besitzt du eine seltene Gelegenheit zum Schweigen.

Ein leerer Terminkalender ist keine Krise. Er ist Platz.

Nicht jeder Gedanke verdient eine dreistündige Besprechung.

Und vielleicht meine wichtigste:

Bevor du dein gesamtes Leben infrage stellst, prüfe, ob du vielleicht einfach müde bist.

Vielleicht brauchen wir weniger große Weisheiten

Das Leben ist kompliziert genug.

Vielleicht muss deshalb nicht jede Antwort ebenfalls kompliziert sein.

Manchmal hilft ein gutes Gespräch.

Manchmal ein klarer Entschluss.

Manchmal etwas Abstand.

Und manchmal eine vollkommen alberne Weisheit, die uns daran erinnert, dass wir uns selbst und unseren Alltag gelegentlich etwas weniger ernst nehmen dürfen.

Genau daraus entstand auch die Idee für mein Buch „Kaktus küsst Kaffeetasse, skurrile Weisheiten für den Alltag“.

Ein Buch über kleine Wahrheiten, absurde Gedanken und jene Alltagserkenntnisse, die vermutlich niemals in einem seriösen Philosophielexikon erscheinen werden, aber trotzdem erstaunlich häufig zutreffen.

Bis dahin gilt:

Wenn das Leben dir Zitronen gibt, kannst du natürlich Limonade machen.

Du kannst sie aber auch in den Kühlschrank legen.

Vielleicht brauchst du heute gar keine Limonade.

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