Irgendwann passiert etwas Merkwürdiges.

Man wird nicht plötzlich weiser.

Man wacht auch nicht morgens auf und denkt: So. Ab heute bin ich vollkommen gelassen.

Leider nicht.

Aber gewisse Dinge verlieren nach und nach ihren Reiz.

Sich für jede Entscheidung rechtfertigen zum Beispiel.

Menschen überzeugen wollen, die sowieso fest entschlossen sind, einen falsch zu verstehen.

Schuhe tragen, die nach neun Minuten Schmerzen verursachen, nur weil sie „so schön aussehen“.

Und Diskussionen führen, bei denen bereits nach dem zweiten Satz klar ist, dass man diese Lebenszeit niemals zurückbekommen wird.

Vielleicht ist genau das einer der angenehmeren Aspekte des Älterwerdens:

Man besitzt nicht automatisch mehr Geduld.

Man entwickelt nur langsam ein besseres Gefühl dafür, wofür sie sich lohnt.

Ab 40 beginnt nicht das Ende, sondern häufig das Aussortieren

Viele Frauen verbringen erstaunlich viel Zeit ihres Lebens damit, Erwartungen zu erfüllen.

Freundlich sein.

Verständnisvoll sein.

Gut aussehen.

Nicht zu laut sein.

Aber bitte auch nicht langweilig.

Selbstbewusst, aber bloß nicht arrogant.

Fit, aber nicht besessen.

Erfolgreich, aber trotzdem angenehm.

Natürlich altern, aber möglichst ohne sichtbare Hinweise darauf.

Man könnte meinen, Frau sein sei ein Beruf mit ausgesprochen widersprüchlicher Stellenbeschreibung.

Irgendwann stellt sich deshalb eine ziemlich vernünftige Frage:

Wer hat diesen ganzen Unsinn eigentlich beschlossen?

Und noch wichtiger:

Warum mache ich da überhaupt mit?

Das bedeutet nicht, dass einem plötzlich alles egal wird. Im Gegenteil. Vielleicht wird einem sogar klarer, was einem wirklich wichtig ist.

Aber Dinge, die ausschließlich dazu dienen, anderen zu gefallen, verlieren gelegentlich deutlich an Priorität.

Das ist keine Krise.

Das ist Sortierarbeit.

Weniger erklären ist erstaunlich befreiend

Es gibt Menschen, die möchten für jede deiner Entscheidungen eine Begründung.

Warum möchtest du nicht mitkommen?

Warum hast du keinen Partner?

Warum hast du einen Partner?

Warum willst du den Job wechseln?

Warum möchtest du nicht abnehmen?

Warum hast du deine Haare so?

Warum trinkst du keinen Alkohol?

Warum trinkst du Wein?

Irgendwann könnte man ernsthaft überlegen, für das eigene Leben ein FAQ Dokument anzulegen.

Oder man entdeckt die wesentlich kürzere Antwort:

Weil ich das so möchte.

Das ist überraschend effizient.

Nicht jede Entscheidung braucht eine PowerPoint Präsentation.

Wenn du keine Lust auf eine Veranstaltung hast, musst du nicht erst eine internationale Lageanalyse vorlegen.

Wenn du etwas nicht möchtest, darf „Nein“ tatsächlich ein vollständiger Satz sein.

Das klingt zunächst selbstverständlich.

Ist es im Alltag erstaunlich oft nicht.

Nein ist keine unhöfliche Wortart

Viele Menschen haben gelernt, ein Nein so liebevoll einzupacken, dass es am Ende fast wie ein Ja aussieht.

„Eigentlich würde ich sehr gerne, aber vielleicht könnte es schwierig werden, weil eventuell…“

Nein.

Manchmal lautet die Antwort einfach:

Nein, danke.

Das muss nicht kalt sein.

Es muss auch niemand dramatisch aus dem Raum gehen.

Grenzen sind keine persönliche Beleidigung.

Sie sind Informationen.

Man sagt, was für einen passt und was nicht.

Die andere Person darf das schade finden.

Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Schönheit darf Spaß machen, aber bitte ohne Pflichtprogramm

Ab einem gewissen Alter scheint sich plötzlich die halbe Welt dafür zu interessieren, was im Gesicht einer Frau passiert.

Falten.

Augenpartie.

Hautelastizität.

Konturen.

Als hätte man bislang unbemerkt an einer internationalen Gesichtsmeisterschaft teilgenommen.

Natürlich darf jede Frau Botox mögen.

Oder Cremes.

Oder Make up.

Oder kosmetische Behandlungen.

Oder gar nichts davon.

Das Problem beginnt nicht bei Botox.

Das Problem beginnt dort, wo Frauen vermittelt wird, normales Älterwerden sei ein kosmetischer Defekt, der dringend verwaltet werden müsse.

Man darf sich pflegen, weil es Spaß macht.

Man darf Lippenstift tragen.

Man darf graue Haare färben.

Man darf sie nicht färben.

Man darf Falten mögen.

Man darf sie nicht mögen.

Aber vielleicht müssen wir nicht aus jeder Falte ein Krisengespräch machen.

Sie ist da.

Sie wird vermutlich bleiben.

Das ist deutlich weniger dramatisch, als manche Werbekampagne vermuten lässt.

Gut genug ist manchmal tatsächlich gut genug

Perfektion ist ein ausgesprochen zeitintensives Hobby.

Die perfekte Wohnung.

Die perfekte Ernährung.

Der perfekte Körper.

Der perfekte Job.

Die perfekte Beziehung.

Der perfekte Urlaub.

Und vermutlich sollte selbst der Salat noch fotogen aussehen.

Irgendwann könnte man anfangen zu überlegen, ob „gut“ nicht vielleicht ebenfalls akzeptabel wäre.

Die Wohnung ist sauber genug.

Das Essen schmeckt.

Die Haare liegen heute eher theoretisch.

Der Pullover passt.

Der Tag funktioniert.

Fertig.

Es muss nicht alles ständig verbessert werden.

Manchmal ist ein Leben, das gut funktioniert, deutlich angenehmer als eines, das permanent optimiert wird.

Nicht jeder Mensch verdient Zugang zur ersten Reihe

Mit zunehmender Lebenserfahrung verändert sich häufig auch der Blick auf Beziehungen.

Man merkt irgendwann:

Nicht jede Bekanntschaft muss gepflegt werden.

Nicht jede Freundschaft muss auf Lebenszeit bestehen.

Und nicht jeder Mensch, den man lange kennt, tut einem automatisch gut.

Es gibt Beziehungen, nach denen fühlt man sich leichter.

Und es gibt solche, nach denen man erst einmal zwei Stunden alleine spazieren möchte.

Das ist durchaus eine Information.

Man muss nicht jeden Menschen aus dem Leben werfen, nur weil er gelegentlich nervt. Dann wären vermutlich ziemlich schnell sehr viele Wohnungen leer.

Aber man darf genauer hinschauen:

Wer tut mir gut?

Wer respektiert meine Grenzen?

Bei wem muss ich mich permanent erklären?

Und wer meldet sich eigentlich nur, wenn etwas gebraucht wird?

Auch soziale Energie ist begrenzt.

Man muss sie nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilen.

Manche Diskussionen darf man einfach verlieren

Früher wollte man vielleicht noch überzeugen.

Erklären.

Beweisen.

Richtigstellen.

Heute könnte man irgendwann feststellen:

Es gibt Diskussionen, deren Gewinn den Aufwand nicht wert ist.

Wenn jemand unbedingt glauben möchte, dass Zitronenwasser jedes Problem der Menschheit löst, darf dieser Mensch seinen Weg gehen.

Wenn jemand deine Entscheidung nicht versteht, obwohl du sie dreimal erklärt hast, hilft eine vierte Erklärung vermutlich nicht überraschend doch.

Man kann einen Satz auch einfach stehen lassen.

Das ist nicht Gleichgültigkeit.

Das ist Energiemanagement.

Selbstironie macht vieles leichter

Einer der angenehmeren Tricks im Umgang mit dem eigenen Leben ist, sich selbst nicht permanent so wahnsinnig ernst zu nehmen.

Natürlich gibt es ernste Dinge.

Aber daneben existiert eine erstaunlich große Menge an Alltagssituationen, die rückblickend einfach nur absurd sind.

Man sucht zehn Minuten die Brille.

Sie sitzt auf dem Kopf.

Man öffnet den Kühlschrank und weiß plötzlich nicht mehr, warum.

Man geht gezielt in ein Zimmer und steht dort anschließend wie eine Reisegruppe ohne Reiseleitung.

Und irgendwann stellt man fest:

Das Leben wird deutlich angenehmer, wenn man über sich selbst lachen kann.

Nicht abwertend.

Sondern freundlich.

Denn vermutlich wird auch mit 60 niemand erscheinen und sagen:

Herzlichen Glückwunsch. Sie haben jetzt endgültig alles verstanden.

Wir improvisieren.

Alle.

Manche nur mit besserer Beleuchtung.

Du musst dich nicht neu erfinden

Es gibt einen bemerkenswerten gesellschaftlichen Hang dazu, Frauen ständig eine neue Version ihrer selbst anzubieten.

Neustart.

Transformation.

Neues Ich.

Beste Version deiner selbst.

Irgendwann könnte man allerdings fragen:

Was war eigentlich mit der alten Version falsch?

Vielleicht muss man sich gar nicht permanent neu erfinden.

Vielleicht darf man einfach ein paar Dinge behalten, ein paar ablegen und andere neu ausprobieren.

Ohne große Transformation.

Ohne Vorher Nachher Foto.

Ohne morgens um fünf aufzustehen.

Persönliche Entwicklung darf auch vollkommen unspektakulär aussehen.

Zum Beispiel:

Ich gehe früher nach Hause.

Ich sage öfter Nein.

Ich kaufe keine unbequemen Schuhe mehr.

Ich diskutiere nicht mehr mit Menschen im Internet.

Das ist möglicherweise bereits Fortschritt genug.

Was andere denken, wird erstaunlich überschätzt

Natürlich ist niemand vollständig unabhängig von der Meinung anderer.

Wir sind soziale Wesen.

Anerkennung ist angenehm.

Kritik kann weh tun.

Aber vielleicht verändert sich irgendwann das Verhältnis dazu.

Man beginnt stärker zu unterscheiden:

Von wem kommt diese Meinung eigentlich?

Würde ich diese Person selbst um Rat fragen?

Kennt sie meine Situation?

Will sie wirklich mein Bestes?

Oder besitzt sie einfach nur sehr viel Meinung und überraschend viel freie Zeit?

Nicht jede Kritik verdient denselben Stellenwert.

Und nicht jeder Mensch bekommt automatisch Stimmrecht über dein Leben.

Die Sache mit dem Alter

Frauen wird erstaunlich früh vermittelt, dass Alter etwas ist, das möglichst langsam sichtbar werden sollte.

Mit 20 soll man erwachsen wirken.

Mit 30 erfolgreich.

Mit 40 möglichst noch wie 30.

Mit 50 offenbar wie 38.

Das System wird irgendwann mathematisch schwierig.

Vielleicht wäre eine andere Idee interessanter:

Man sieht einfach so alt aus, wie man aussieht.

Und lebt trotzdem weiter.

Mit Humor.

Mit Plänen.

Mit Lust auf Neues.

Mit schlechten Tagen.

Mit guten Tagen.

Mit Falten.

Ohne Falten.

Mit grauen Haaren.

Oder mit einer Haarfarbe, die in der Natur eindeutig nicht vorgesehen war.

Das Leben endet nicht, weil irgendwo eine Zahl auf einem Geburtstagskuchen steht.

Es wird lediglich schwieriger, alle Kerzen unterzubringen.

Zu alt für welchen Scheiß eigentlich?

Vielleicht bedeutet „zu alt für den Scheiß“ nicht, dass man ab einem bestimmten Geburtstag plötzlich über allem steht.

Es bedeutet eher:

Ich kenne einige meiner Grenzen inzwischen besser.

Ich weiß ungefähr, was mir guttut.

Ich erkenne manche Situationen schneller.

Und ich muss nicht jedes Mal so tun, als wäre mir vollkommen neu, dass bestimmte Dinge wahrscheinlich schlecht ausgehen.

Man wird trotzdem Fehler machen.

Natürlich.

Man wird sich trotzdem über Dinge ärgern, die eigentlich unwichtig sind.

Man wird trotzdem gelegentlich eine Entscheidung treffen und fünf Minuten später denken:

Interessant. Das war jetzt überraschend dämlich.

Das gehört dazu.

Gelassenheit bedeutet nicht, dass nichts mehr schiefgeht.

Vielleicht bedeutet sie eher, dass man nicht aus jedem schiefgelaufenen Dienstag eine Identitätskrise macht.

Vielleicht ist genau das Lebensfreude

Lebensfreude muss nicht bedeuten, permanent glücklich durch die Gegend zu laufen.

Das wäre anstrengend.

Und vermutlich auch ein bisschen verdächtig.

Vielleicht bedeutet Lebensfreude vielmehr, dass man sich selbst etwas weniger im Weg steht.

Dass man Dinge genießt, ohne sie rechtfertigen zu müssen.

Dass man Menschen mag, die einem guttun.

Dass man über sich lachen kann.

Dass man nicht mehr jede gesellschaftliche Erwartung persönlich entgegennimmt.

Und dass man gelegentlich denkt:

Nein. Dafür ist mir meine Zeit inzwischen wirklich zu schade.

Das ist vielleicht keine große Weisheit.

Aber eine ausgesprochen praktische.

Und falls dir das bekannt vorkommt

Genau aus diesen Gedanken ist auch die Idee zu meinem Buch „Zu alt für den Scheiß, ein Buch für Frauen ab 50, die jenseits von Botox und Bullshit leben wollen“ entstanden.

Nicht als Anleitung dafür, wie Frauen ab 40 oder 50 gefälligst leben sollen.

Davon gibt es schließlich schon genug.

Sondern als humorvoller Blick auf das Älterwerden, Erwartungen, Beziehungen, Selbstironie und die wunderbare Erkenntnis, dass man wirklich nicht mehr jeden Unsinn mitmachen muss.

Bis dahin gilt:

Du musst nicht jedem gefallen.

Du musst nicht alles erklären.

Du musst nicht jede Falte bekämpfen.

Und du musst schon gar nicht zu einer Veranstaltung gehen, auf die du keine Lust hast.

Man wird schließlich nicht jünger.

Das muss ja auch irgendeinen Vorteil haben.

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